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21. Januar 2021: 75 Jahre SPD-Mitgliedschaft: Emil Klüß blieb seiner Haltung auch zu DDR-Zeiten treu

Christian Winter (links) ehrt den Jubilar mit einer Urkunde in rotem Einband für 75 Jahren Parteimitgliedschaft. Foto: Silke-Maria Preßentin
Der Ortsvereinsvorsitzende Christian Winter (links) ehrt den Jubilar Emil Klüß zu 75 Jahren Parteimitgliedschaft.

Als Mitglied des SPD-Ortsvereins Neustadt-Glewe begeht Emil Klüß im Januar 2021 sein sagenhaftes 75-jähriges Parteijubiläum. Am 5. Januar 1946 trat Emil Klüß in die Sozialdemokratische Partei Deutschlands ein und gründete so mit einigen Freunden im Mecklenburgischen Dorf Leussow einen Ortsverein. Bereits einige Monate später war allerdings Schluss, denn die SPD sollte sich mit der KPD zusammenschließen. „Mit den Kommunisten gehen wir nicht zusammen“ befanden Emil und seine Genossen. Anschließend wurden die Parteibücher eingesammelt und von Emil, als Jüngstem, sowie dem damaligen Ortsvereinsvorsitzenden ins Parteibüro nach Ludwigslust gefahren. Beide platzten gerade in die laufende Versammlung zur Fusion. Nachdem sie zunächst freudig empfangen wurde, war das Entsetzen umso größer, als sie erklärten aus Rebellion gegen die Zwangsvereinigung ihre Parteibücher abgeben zu wollen.

Einige Jahre später erkundigte sich Emil Klüß, als er in West-Berlin zu Besuch war, ob es denn auch SPD-Mitglieder in der Nähe gäbe. Seine Gastgeber stellten den Kontakt zu einem Nachbarn her, der Förster im Grunewald war. Der Mecklenburger teilte mit diesem nicht nur die sozialdemokratische Leidenschaft, sondern auch den Beruf. „Ihr müsst uns im Osten helfen“, erklärte er nach kurzem Kennenlernen und erhielt Zugang zu subversiven Flugblättern, die in den Folgejahre oft mit dem Flugzeug über seinem Forstrevier abgeworfen wurden. Gelegentlich wurden auch Rückmeldungen in den Westen geleitet, natürlich unter Mitwirkung von Emil Klüß. Die Holzarbeiter und Landwirte in der Gegend waren eingeweiht. So setzte der heute 94-jährige sein sozialdemokratisches Herzblut vor allem im Untergrund ein. Seiner oppositionellen Haltung verheimlichte er auch sonst nicht und das hatte in der SED-Diktatur natürlich Konsequenzen: Ihm wurden immer wieder die Schusswaffen vorübergehend abgenommen, er hatte sich regelmäßig zu unangenehmen Verhören bei der Staatssicherheit in Ludwigslust einzufinden und musste darüber Stillschweigen bekunden. Der Druck auf Emil Klüß stieg nach dem Volksaufstand in Ungarn 1956 nochmal. Mit dem Mauerbau 1961 war seine verdeckte Parteiarbeit nicht mehr möglich. Emil Klüß nennt diese Zäsur heute Zusammenbruch. Gute Kontakte in die Bezirkshauptstadt Schwerin ermöglichten dem leidenschaftlichen Naturfreund aber eine solide Berufszeit im Revierforst und so zog der Weltkriegsveteran nach Neustadt-Glewe.

Als sich 1989 erneut die Opposition gegen die DDR-Führung regte, musste Emil nicht erst gefragt werden. Zusammen mit dem, ebenfalls heute noch in der Neustädter SPD aktiven Ehepaar Schulz, rief „Herr Klüß“ zum Anschluss an die damalige SDP, dem Vorgänger der ostdeutschen SPD, auf. Bereits am 19.01.1990 gründete sich dann der SPD Ortsverein Neustadt-Glewe, auch dank Emil Klüß, als einer der ersten in der Region. Er brachte sich an der Basis sowie bei Wahlkämpfen ein und versäumt auch mit über 90 Jahren selten eine Veranstaltung seines Ortsvereins. Viele Genossinnen und Genossen feierten, wie der SPD-Ortsverein Neustadt-Glewe, im vergangenen Jahr dreißigstes Jubiläum. Emil Klüß erhielt 1990 ebenfalls sein aktuelles Parteibuch, aber erst 2011 notierte ein findiger Mitarbeiter des SPD-Landesverbandes MV: „Beigetreten am 05.01.1946.“ Emil Klüß hat mehr als ein Leben für die Partei gewirkt. Der Rentner fährt heute noch regelmäßig Fahrrad, einmal die Woche auch nach Ludwigslust, lebt im eigenen Haushalt und hilft ehrenamtlich im Landesforst Mecklenburg-Vorpommern. Regelmäßige Bewegung und frische Luft bei jeder Witterung sind sein Rezept für eine solide Gesundheit.

„Emil Klüß lebt bis heute Leidenschaft für die Sozialdemokratie. Die Jahrzehnte der Standfestigkeit und sein Mut, offen Farbe gegen die SED-Diktatur zu bekennen, sind mit heutigen Maßstäben kaum zu messen! Dieses Rückgrat und Selbstverständlichkeit für seine Überzeugung einzustehen, sollten uns in diesen auch politisch turbulenten Zeiten Vorbild sein!“, erklärt der Vorsitzende des SPD-Ortsvereins Christian Winter zu dem außergewöhnliche Jubiläum.

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